Am Tag des jüngsten Gerüchts

Der Magie Kundige beschworen den Tag als den letzten seiner Art. Eine zarte Fee soll dabei gefragt haben, wenn die Erde untergeht, wohin sie dann geht. Zwanzig Wagemutige scheuten sich beim Steine des Königs nicht in das stählerne Roß zu steigen, für das sie so viele Silberlinge hatten hergeben müssen. Die Versuchung war groß, die Reise beim drohenden Untergang ohne Habe anzutreten. Allein der fremde Landesherr und sein Häscher im stählernen Roß bewahrte uns vor Sünden. Der Weg führte auf dem eisernen Strang entlang hinauf zu einer Furth in Dolni Zleb. Böse Mächte hatten des Wärters Flussgefährt zerstört. So mussten die Mannen und Weiber von den steilen Ufern der tosenden Elbe durch die gar schön anzuschauende Siedlung hinauf in die dunklen Wälder und Schluchten von Niedergrund gehen. Goldmarie durfte heute Dienst tun. Mit unseren Stiefeln überschritten wir am Böhmischen Tore die Grenze zurück in das Königreich und folgten in der Dunkelheit des tiefen Waldes den Spuren von Fuchs und Hase. In einer Höhle am Großen Zschirnstein fanden wir Zuflucht und labten uns an dem, was für die letzte Reise gebraucht wurde – warmer, vergorener Saft von Trauben verfeinert mit bestem Pfeffer. Nach wenigen Sprüngen erreichten wir die offen Weiten von Reinhardtsdorf und die Kaiserkrone. Von der Wagenmeisterei in Schmilka ward uns freies Geleit nach dem Städtchen an des Königs Stein zugesichert. In des Bundes Zufluchtsstätte erfreuten die Mundschenke Holm und Wolfgang das Volk mit gar vorzüglichen erzgebirgischen Weihnachtsgebäck und dann, mit hereinbrechender Nacht, mit Gemüsesuppe, zart gebackenen Huhn in Lauchgemüse auf Nudeln und Zimtsahne auf Aprikosen-Apfelmus. Nur die Wagemutigsten und Tollkühnsten unter den Lagernden trauten sich im Angesicht des drohenden Untergangs zu später Stund hinauf zum Lilienstein. Andere Anhänger der Gesellschaft berichteten, sie selbst hätten jeden tropfenden Wasserhahn repariert, um der Sintflut zu entgehen. Wir aber spendeten dem Erdkreis und dem Städtchen unsere Ehrerbietung und waren mit dem Wärter des Flußgefährts bei seiner und unserer letzten Fahrt eins.

 

Der (wahrscheinlich) letzte Gang.

 

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